Von Jiu Jitsu zu Aikido? Jep!

Ich lasse jetzt keine große Erklärungs-Arie zu Aikido los, denn im Netz findet man unendlich viele Informationen zu dieser Kampfkunst….und Diskussionen. Ist Aikido überhaupt eine Kampfkunst? Ist Aikido effektiv? Ist das nicht eher „Bewegungskunst“?

Dabei wird immer wieder vergessen, dass Judo, Hapkido, BJJ, modernes Jiu Jitsu und Aikido aus der gleichen Familie, der JIU Kampfkunstfamilie, stammen. Ursprung all dieser Kampfkünste war das originale Jiu Jitsu der Samurai. Die einzelnen Stile haben sich im Laufe der Jahre lediglich mal mehr, mal weniger unterschiedlich weiterentwickelt.

Wenn ich einen Vergleich anstellen darf, dann ist Jiu Jitsu die grantelige Oma, die von allen respektiert wird, während Aikido der Enkel in schwarzem Anzug mit Krawatte ist.

Ueshiba Morihei war eine Person, mit einer Vision vom Frieden. Sein Lebenweg war … nun ja, mindestens „ungewöhnlich“ und gipfelte letztlich im Aikido. Ich bin mir gar nicht sicher, ob er sich schon „fertig“ wähnte, denn am Aikido werkelte er bis zuletzt herum.

Ueshiba Morihei war in meinen Augen ein Suchender, ein unsteter Freigeist der nach spiritueller Erfüllung strebte und nicht viel Wert auf Materielles legte. Wenn er nicht so stark mit dem Shinto (im Rahmen der Omoto Gemeinschaft) verbunden wäre, wäre er für mich der ideale Taoist. Die Prinzipien des Aikido erinnern mich stark an Taijiquan (Energie aufnehmen und umleiten, Yin / Yang) und die entsprechende Philosophie.

Im Unterricht ist der Trainingspartner tatsächlich ein Partner und ermöglicht es Dir die Technik vollständig zu trainieren und auszuführen, bis sie eben verinnerlicht ist. Das gibt Sicherheit und Vertrauen in die Technik. Das „Gegengehen“ wird nicht forciert.

Ist Aikido effektiv? Ist es für die Straße nutzbar? Hm, eigentlich lernt man lernt eine Kampfkunst um sie eben NICHT anwenden zu müssen. Es geht um Selbstvertrauen, Disziplin, von mir aus auch Selbstoptimierung und Philosophie. Eine Kampfkunst ohne Philosophie ist keine Kampfkunst. Die Anwendung ist die letzte Konsequenz, der letzte Ausweg, der „rote Knopf“ wenn man so will.

Während man aus dem Wing Chun, Jiu Jitsu, oder auch Karate nach einigen Wochen schon etwas Handwerkszeug mitbekommt, dauert es beim Aikido einfach länger. Die Techniken sind sehr effektiv und gehen gut zur Sache, doch es geht nicht ums Umnieten, sondern darum „den Angreifer in eine Lage zu versetzen, dass er über seine Taten nachdenken kann.“

Das will natürlich gelernt sein.

Bevor ich mich dazu durchgerungen habe erneut beim Aikido einzusteigen, habe ich mir 5 Fragen gestellt:

  • Von Aikikai zu DAB?
  • Lasse ich dann meinen Kyu Grad (2. Kyu/blau) anerkennen?
  • Kann mich Aikido bei meinem Plan der Gewichtsreduktion unterstützen?
  • Kann ich Aikido „anwenden“ im Fall der Fälle?
  • Habe ich „Spaß“?

Aikikai oder DAB… mittlerweile ist mir diese Verbandstümelei ziemlich egal. Letztlich ist es der Unterricht der entscheidet und der macht mir bei dem DAB Trainer hier in der Gegend einfach mehr Spaß.

Den 2. Kyu lasse ich nicht anerkennen, denn ich fühle mich – ehrlich gesagt – echt wie ein Anfänger. Sieben Jahre sind eine lange Zeit, in der man Begriffe und Techniken gerne zur Seite wirft. Natürlich kommt das alles wieder mit der Zeit, aber den Weg gehe ich gerne wieder von Beginn an.

Aikido ist vielleicht etwas anders, als Jiu Jitsu oder Karate, aber mindestens genau so schweißtreibend. Nach meinen ersten beiden Trainings war ich nicht weniger nassgeschwitzt, als nach einer ordentlichen Einheit Jiu Jitsu… mit einem Unterschied: ich hatte wieder einen ordentlichen Muskelkater, was ja letztlich bedeutet, dass die Belastung wieder tiefer geht – weil offenbar ungewohnter.

Ich denke letztlich wird es aufs selbe hinauslaufen, es kommt immer auf einen selber an. Ich kann natürlich auch ohne Schwitzen durchs Training kommen – aber macht das Sinn? Wenn ich Sport mache WILL ich doch schwitzen, WILL ich einen Muskelkater herausfordern! Also ja – ich denke AIKIDO kann mir bei meiner Gewichtsreduktion gut helfen.

Kann Aikido was? Der große Ip Man hat mal sinngemäß gesagt, es ist nicht die Kampfkunst, die gut oder schlecht ist – es ist derjenige, der sie anwendet.

Aikido hat in den Jahren seiner Existenz eine ziemliche Entwicklung hingelegt. Anfangs ähnelte sie noch Jiu Jitsu und wurde relativ „hart“ trainiert. Erst mit dem Älterwerden von Ueshiba wurde Aikido subtiler und weicher. Ueshiba stammte aus einer alten Samurai-Familie, was das teils extreme Hochhalten der Budo-Werte erklärt, wie auch die Ähnlichkeit mit dem japanischen Schwertkampf. Seine ersten Schritte in den Kampfkünsten machte er mit Sumo. Erst später, etwa mit 19 / 20 Jahren wandte er sich dem Jiu Jitsu zu, woraus dann nach vielen Umwegen irgendwann Aikido entwickelt wurde.

Bushido, Schwertkampf, Jiu Jitsu sind meiner Meinung nach die Kernelemente, die Inspirationsquellen von Aikido und die entsprechenden Werte und Philosophien werden bis heute im Aikido-Unterricht vermittelt.

Ob Aikido „etwas kann“ liegt natürlich auch am Lehrer. Als Schüler muss ich Vertrauen in die Technik aufbauen, sprich: überzeugt davon sein, dass sie WUMMS hat. Wenn keine realitätsnahen Situationen durchgespielt und der Trainingspartner zumindest gelegentlich nicht zu einem virtuellem Gegner wird, hat man kaum Gelegenheit dieses Vertrauen aufzubauen – dann sieht es mit der Antwort auf die Frage „kann Aikido was?“ natürlich echt mies aus.

Ich denke mit meinem Lehrer habe ich hier Glück. Philosophie und Technik nimmt natürlich viel Raum ein, dennoch geht es stellenweise auch gehörig zur Sache. Ich habe den Eindruck, er kann die Schüler gut einschätzen und gestaltet entsprechend seinen Unterricht.

Hab ich Spaß? Ich denke, das wird sich zeigen. Auf jeden Fall muss ich mich umgewöhnen. Das Malträtieren von Boxsäcken mit Händen und Füßen gibt es beim Aikido nicht. Ebenso wenig das minutenlange Herumliegen im Choke und den Versuchen sich wieder herauszudrehen. Dafür schmerzen meine Sehnen und Gelenke und Muskelkater quält mich in den Armen und im Rumpf. Jiu Jitsu hat schon viel für meine Gelenkigkeit getan, ich habe aber den Eindruck, Aikido legt noch eine Schippe drauf.

Hab ich Spaß? Es ist bemerkenswert, was eine kleine Drehung des Handgelenks ausmacht, welche Kräfte freigesetzt werden, wenn man der Bewegung des Partners kurze folgt und dann umdreht. Ich habe mich nur selten bei einem Hebel so ausgeliefert gefühlt und noch seltener so machtlos, wenn ich durch diese seltsam freigesetzten Kräfte durch den Dojo fliege – und positiv seltsam, wenn ich andere fliegen lasse…

Also ja – ich habe Spaß!

Im Moment sitze ich noch in einem kleinen Hotel in Österreich, irgendwo am Neusiedler See während das Wetter zwischen Gewitter, Sonne und heiß, oder schwül und leichter Regen pendelt. Die Zeit hier wollte ich mir nehmen, um mir über meine beiden Beiträge (diesem hier und dem davor) klar zu werden und mich zu entscheiden. Der Titel des Beitrags hier nimmt meine Entscheidung schon vorweg: Ich werde mich ausschließlich auf Aikido konzentrieren.

Der Kern der Seite hier bleibt natürlich bestehen.

Mein Training beginnt irgendwann Ende August oder Anfang September wieder – ich melde mich dann.

Bis dahin schönen Urlaub und OSS!

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Aikido ist ein Sport, eine Philosophie, eine Leidenschaft, und macht geschmeidig und beweglich! Ich bin gespannt, welche Erfahrungen Du sammelst:) Ich wünsche Dir viel Erfolg und einen wundervollen Do! Viele Grüße, Christine

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s