BJJ für Alte? Tipps für den Start!

Okay, der Titel ist provokant. Ich gehe mal davon aus, dass der Durchschnittstyp, egal ob Frau oder Mann, sich mit etwa 40/45 Jahren Gedanken darüber macht, etwas Neues anzufangen. Und gerade, wenn man irgendwie ein Faible für die Kampfkünste kannst, geht es schnell, dass man sich in einer KK Bude anmeldet. Macht das Sinn? Und wäre MJJ / BJJ etwas für solche Menschen?

Natürlich kann man in jedem Alter mit jeder Kampfkunst anfangen. Die einen KKs sind zugänglicher, andere intellektueller, jene ist ein Breitensport und diese ist brutal. Es ist immer abhängig von der körperlichen (und auch seelischen) Verfassung, sowie von dem, was man erreichen will.

Ich muss hier von mir ausgehen, einem übergewichtigen Mittvierziger mit Bürojob, Familie und einem gesetzten / gefestigten Privatleben, ohne großartige körperliche Defizite, außer dem typischen Bauch.

Prinzipiell könnte ich meine Punkte aus dem „Kampfkunstweg 1“ für Karate wiederholen, sie gelten so auch für Jiu Jitsu. Da aber Jiu Jitsu doch etwas anders als Kyokushin Karate ist, mache ich das mal neu…:)

  • Schätze Dich richtig ein und übertreibt es nicht!

Ja, wenn ich das nur selber beherzigt hätte… auch beim Jiu Jitsu ist es mir wieder passiert, dass ich nach etwa der Hälfte der Unterrichtseinheit auf dem Boden lag und selbst das Atmen geschmerzt hat. Nach der Einheit habe ich meine Adduktoren in den inneren Oberschenkeln gespürt, wie schon lange nicht mehr- was mich direkt wieder zu einer Pause für etwa 1,5 Wochen gezwungen hat. Dieses typische: „Ich gebe ALLES was ich habe und zeige, dass ich auch was kann!“ Ding, dieses typische männliche „ICH KANN AUCH FEUER MACHEN“ Ding ist mit mir durchgegangen. Das ist nicht gut. Wenn ich das nicht kennen würde, würde ich jetzt sagen, ich bin zu alt für den Mist, sowas wie Jiu Jitsu brauche ich nicht mehr.

Deshalb ist es wirklich wichtig, NICHT 100% von Anfang an zu geben, sondern sich die Zeit und Ruhe zu nehmen die Dinge kennen zu lernen. Mit Ü40 auf dem Buckel und einer langen Sportpause, kann man in der Regel seinen Körper nicht mehr richtig einschätzen. Sich langsam in die Übungen und Routinen einfinden ist hier das A und O. Spüren, wo es weh tut, erstmal die 7 oder 8 nehmen, bevor man auf die 10 geht – dazu gehört Disziplin und Ruhe.

Und wenn es weh tut? OKAY! Das bedeutet nicht, dass Du zu alt bist, sondern lediglich dass Du zu lange nichts mehr gemacht hast! Überlege: Du bist in einem Alter, in dem Dein Körper auf dem höchsten Stärke-Level arbeiten kann! Du bist stärker, als Du mit 20 warst und mit 60 sein wirst. Wäre doch super, wenn Du Deinem Körper auch die Möglichkeit gibst, das auszuleben, oder? Also langsam. Kein Sprint – sondern ein Marathon.

  • Du bist total unflexibel und steif? Egal!

Okay, (k)ein Problem. Ich habe es im MJJ Beitrag mal ganz kurz angerissen. Jiu Jitsu ist die Kunst aus einem Brett Gummi zu machen. Mein Lehrer meinte während meiner ersten Stunde zu mir:“ Siehst Du den (hier Name einsetzen)? Als er vor einem Jahr hier angefangen hat, war er steif wie ein dickes Holzbrett. Und jetzt?“ Mein Blick fiel auf ein Knäuel zweier Kerle, die munter über die Matten rollten.

Es dauert sicher seine Zeit, bis die Flexibilität und Geschmeidigkeit in die Sehnen, Muskeln -in den Körper zurückkehrt, doch das wird es. Mit jeder Stunde, mit jeder Woche wird es ein wenig mehr. Du selber wirst es vielleicht nicht merken, Deine Trainingspartner schon… und – sofern vorhanden – Dein Lebenspartner ganz sicher auch… 😉

Wenn Du bei 2x Training die Woche noch etwas Power übrig hast, empfehle ich Dir einen Yoga-Kurs. Yoga ist mittlerweile weit weg von Räucherstäbchen und Sitar-Musik (okay, gibt es sicherlich immer noch, aber ist mir schon länger nicht mehr begegnet) und es gibt sogar spezielle Yoga-Programme für BJJ. Ich habe mich nebenher zum Beispiel bei YOGA FOR BJJ angemeldet und lege an meinen trainingsfreien Tagen eine Yoga-Session in den eigenen vier Wänden ein. Nicht ganz billig das Jahresabo, das stimmt, aber es rockt! Ein extra Beitrag dazu ist schon in Planung.

  • Bleib am Ball!

Gerade wenn man mit Mitte 40 im Leben steht, einen Job hat, eine Familie, etc. ist es wirklich schwer sich regelmäßig aufzuraffen und sich auf den Weg ins Dojo zu machen. Machen wir uns nichts vor, wir sind derzeit die Stütze der Gesellschaft und das spüren wir. Der Druck ist hoch, der Stresslevel fast immer im roten Bereich, wir arbeiten länger als wir sollten und sind meistens froh, wenn wir nach Hause kommen und uns aufs Sofa flacken können. Also mir geht es so. Es ist wirklich schwer sich aufzuraffen.

Ich habe gelesen, dass man etwa 6 Wochen braucht, bis etwas zu einer Art Gewohnheit wird und noch mal länger, bis es einem in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ich habe mir überall Post-its hingeklebt. Badezimmer, Auto, Kofferraum, Monitor im Büro, etc… die mich daran erinnern. Habe mir Termine in den Kalender eingetragen. Habe entsprechende Abos bei Instagram. Schreibe diesen Blog! Ich glaube es hilft. Dauerhaft? Ich werde sehen, denn auch ich bin ja gerade am Anfang!

Einen von den Gracies will ich noch in diesem Absatz lassen: „BJJ ist ein Marathon, kein Sprint. Mach Dich locker!“

  • Scheiß‘ auf die Gürtelfarbe, das Alter, oder das Geschlecht!

Gut, das klingt drastisch, trifft es aber. Die Gracies sprechen hier von einer Art „natural jiu jitsu“. Jeder Mensch wehrt sich, sobald es im Zweikampf in die Nahdistanz geht, automatisch mit Techniken, die in Ansätzen an Jiu Jitsu erinnern. Als ob irgendein Gen angesprochen wird. Das ist schon beinahe magisch. Natürlich kennt man keine Hebel, kein Techniken, keine Befreiungen, etc. es wird aber ein Automatismus in Gang gesetzt.

Was bedeutet das? Du kannst nur lernen! Du kannst die Gürtelfarbe Deines Trainings-Partners als Messgrad nehmen. Nach dem Motto: „Oh ich halte jetzt 4 min gegen den Gelbgurt durch, mal sehen wie lange ich es gegen den Blaugurt packe…!“

Je mehr Trainingspartnern Du im Laufe Deiner Jiu Jitsu Karriere auf der Matte begegnest, desto besser ist es für Dich. Ob Mann, Frau, ob 20 oder 72 Jahre alt – im Jiu JItsu geht es (in erster Linie) nicht ums Gewinnen, sondern ums Entwickeln.

Mit jedem neuen Trainingspartner kannst Du Dich verbessern, Deine Techniken anpassen, neue Techniken lernen und ausprobieren. Wenn Du abklopfst ist es keine Schande, es ist ein Lernprozess.

Also sei dankbar für jeden Trainingspartner, mit dem Du rollen darfst.

  • Scheiß aufs Gewicht!

Sicher ist es anders, wenn ein 120kg Typ auf Dir liegt und Dich hebelt, als wenn es ein 70kg Student, oder eine 50kg Kassierin ist (das sind nur Beispiele). Aber auch hier gilt, je unterschiedlicher Deine Trainingspartner, desto besser der Lerneffekt!

  • Besorge Dir einige Dinge für zu Hause

Wir geben es ja nur ungern zu, aber es zieht, zwickt und schmerzt schon ganz schön arg im Körper. Das wird zwar besser, aber es wird immer mal wiederpassieren, dass ein Muskel plötzlich zu macht, oder eine Sehe einfach überspannt wurde.

Zu meinen ständigen Begleitern, schon seit vielen Jahren, gehören ein kleiner Tegel Tigerbalm und eine Tube Pferdesalbe.

TIGER BALM WEISS
WEPA Pferdesalbe 100 ml Tube

Beim Tigerbalm bevorzuge ich die weiße Variante. Sie ist ein wenig schärfer und wirkt eher kühlend. Erholsam bei Kopfschmerzen, Erkältung und bei Prellungen, sowie leichten Blutergüssen. Die rote Variante wärmt eher und ist echt angenehm bei Verspannungen und muskulären Geschichten. Den seltsamen Zimtgeruch muss man ertragen, aber vielleicht magst Du den ja auch? 🙂 Ach ja – und die rote Variante sorgt für Rückstände in den Klamotten… in meinen Augen ein MUSS für jeden Kampfkünstler.

Pferdesalbe  gibt es von so einigen Herstellern, aktuell habe ich die von WEPA. Für Pferde entwickelt, für den Menschen hilfreich, sagt man. Hilft bei Muskelkater, nach besonders hohen Belastungen des Bewegungsapparates, etc.

Ihr tut euch echt Gutes mit dem Zeug, besonders wenn ihr das Training in euren Gliedern spürt… und das werdet ihr sicher… 

  • Besorge Dir einige Dinge für den Unterricht

Dass ihr einen Kimono / Gi braucht ist klar, denke ich. Hier gibt es eine breite Auswahl an Herstellern und Farben, etc. Ein einfacher Judo Gi reicht aber auch, macht euch hier keinen Stress. Ich nutze die Kimonos von Kingz, die sehen gut aus, haben eine gute Passform und sind bequem.

Ich nutze unter dem Kimono immer noch zusätzlich eine Grappling-Shorts…. zur Sicherheit, falls die Kimono Hose ihren Sitz verlieren sollte… 😉

Besorgt euch einen Tiefschutz. Echt. Tut das. Gewöhnt euch dran, das Teil zu tragen. Probiert hier ruhig aus, ob es eine Shorts mit Weichschale ist, oder eine Hartschale, die man sich über den Schlüppi zieht… egal.

Besorgt euch einen Mundschutz / Zahnschutz. Den braucht ihr zwar nicht immer, aber im Sparring solltet ihr einen tragen. Wie beim Tiefschutz kann es passieren, dass irgendein Körperteil des Gegners plötzlich bei euch im Gesicht auftaucht. Ich habe mit dem Ding echt Probleme und bekomme Würgegefühle, wenn ich es zu lange trage. Aber es nutzt ja nix, ich möchte meine Zähne gerne noch etwas behalten…

Ich bekomme von den Dingern IMMER Würgegefühle, habe aber mittlerweile einen gefunden, mit dem es geht. Probiert euch am besten durch. So teuer sind die Dinger nicht und die Kundenrezensionen (wenn vorhanden) helfen sehr gut.

Die wichtigsten Punkte sind aber die Folgenden:

  • Was im Dojo passiert, bleibt im Dojo!
Bildergebnis für fight club
Fight Club 1999

Okay, nicht ganz so martialisch gemeint, trifft es aber sehr gut! Gerade für uns Ü40er mit einem gefestigten Leben ist es teilweise sehr schwer, wieder komplett von Vorne zu beginnen. Und in einem Dojo machst Du genau das: Du bist der Anfänger. Du beginnst von Vorne. Links neben Dir ist der Platz meistens leer und rechts siehst Du all jene sitzen, die den Schritt vor Dir in den Dojo gemacht haben. Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken, sozialen Schichten, Geschlechtern, und so weiter.

Im Dojo gibt es all das, was da draußen normal ist nicht. Deine Karre interessiert keinen, Deine Omega-Uhr ist hier genauso scheißegal, wie Dein Jahreseinkommen, Deine Jobbezeichnung, oder wie viele Menschen für Dich arbeiten.

Für uns Ü40er wird hier das Leben einmal auf den Kopf gestellt. Für den einen ist es „befreiend“, weil er hier völlig aus dem Hamsterrad herausgehebelt wird. Für die meisten ist es allerdings „nicht akzeptabel“. In den Jahren, die ich in meinem Leben bereits mit den Kampfkünsten verbracht habe ist es genau dieser Punkt, der die meisten Menschen zum Aufgeben bringt. Dem musst Du Dir bewusst sein.

  • Hab Spaß!

Jiu Jitsu macht unendlich viel Spaß! Du lernst Dich selbst mal so richtig kennen, Du wirst in vielen Fällen überrascht sein, zu was Dein Körper eigentlich in der Lage ist. Dein Trainingspartner ist Dein PARTNER, nicht den Gegner! Ich werdet diskutieren, ausprobieren, lachen und miteinander heulen, wenn es sein muss.

Jiu Jitsu ist ein Ganzkörpertraining, Du kannst also getrost Dein Jahresabo im Fitnessstudio kündigen und die teure Sportausrüstung verkaufen. Du wirst genug damit zu tun haben, zum nächsten Training wieder fit zu sein (Spaß!).

Jiu Jitsu wird auch als „Schach der Kampfkünste“ bezeichnet. Das bedeutet: Ohne Hirn geht hier nix. Mein Lehrer meinte im letzten Training, dass mit einem Physik-Hintergrund viele Techniken leichter zu verstehen und zu lernen sind. Somit ist Jiu Jitsu nicht nur ein Ganzkörpertraining, sondern es fordert auch Dein Hirn.

Ich kann mich nur wiederholen: Jiu Jitsu macht wirklich unendlich viel Spaß…

Bildergebnis für jiu jitsu is fun

Ich fasse die Punkte nochmal kurz zusammen:

  • Schätze Dich richtig ein und übertreibt es nicht!
  • Du bist total unflexibel und steif? Egal!
  • Bleib am Ball!
  • Scheiß‘ auf die Gürtelfarbe, das Alter, oder das Geschlecht!
  • Scheiß aufs Gewicht!
  • Besorge Dir einige Dinge für zu Hause
  • Besorge Dir einige Dinge für den Unterricht
  • Was im Dojo passiert, bleibt im Dojo!
  • Hab Spaß!

In diesem Sinne: OSS!

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